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Finnland: Tag 2

Crash-Kurs Finnisches Bildungssystem 

Oder: Das meiste ist Mythos – und dennoch…

Heute war also der erste „richtige“ Tag des Kurses. Und es war ein sehr lehrreicher Tag! Zum ersten Mal trafen wir uns am Morgen in unserer „Home Base“ in der Bibliothek Vantaa. Und natürlich ging es zunächst darum, einander kennen zu lernen und sich für die Woche zu orientieren.

Kennenlernen mit Google Slides

In Kleingruppen erstellten wir jeweils eine kurze Präsentation unserer „Kleingruppe“ und von jedem von uns – mit Foto, Info zur Person und Erwartungen und auch Bereitschaft, selbst etwas beizutragen. Für alle, für die das Arbeiten mit dem Tablet relativ neu ist – zugleich eine gute Übung, um mit dem Gerät und Google Classroom und Google Drive klarzukommen, übe die der Kurs virtuell organisiert wird. Natürlich haben wir uns dann anhand der erstellten Slides auch nochmal kurz persönlich vorgestellt. 

Das finnische Geheimnis

Schwerpunkt des Tages war eine Einführung in die „Geheimnisse“ des finnischen Bildungssystems. Martti Hellström machte es wirklich spannend: selbst Lehrer, Schulleiter und Bildungsexperte widmete er sich zunächst den Mythen, die über das finnische Schulsystem existieren – und die nach dem Hype um die ersten PISA-Ergebnisse entstanden sind. Tatsächlich, so Hellström, wird man in vielen Schulen eher konservativen Unrecht antreffen und auch keinen Unterricht, in dem die ganze Zeit mit Tablets gearbeitet werde. Auch die Nachricht, dass Finnland den Fächerunterricht aufgebe, sei falsch. 

In Finnland sei man eher überrascht über das ungebrochene Interesse am finnischen Bildungssystem. Denn zum einen habe sich Finnland die Ideen für die finnische Schule in Deutschland, Österreich und Frankreich „geklaut“, zum andern beschäftigt die Fachöffentlichkeit seit Jahren ein sehr viel kritischerer Blick auf das eigene Bildungssystem: tatsächlich sind die finnischen PISA-Ergebnisse seit der ersten Studie kontinuierlich gefallen. „Und wir wissen nicht warum,“ so Matti Hellström.

Und trotzdem gibt es einige Aspekte, die Finnland in Sachen Bildung (nicht nur Schulen) anders macht: 

Nachhaltige Bildungspolitik„: Anders als z.B. in Deutschland (zumindest in der Vergangenheit) bedeutet ein Regierungswechsel keine Änderung der Bildungspolitik (im Sinne von Policy) – das liegt auch daran, dass die Leitlinien und auch Reformen eher Bottom Up bzw. im Dialog mit Schulen und Lehrer*innenschaft entwickelt wird.

Das wiederum hat mit dem gesellschaftlichen Ansehen und Stellenwert des Lehrer*innen-Beruf zu tun: „In Teachers we Trust“ ist sowas wie ein Sprichwort in Finnland und mein persönliches Zitat des Tages. Und dafür gibt es gleich mehrere Grundlagen:

Es sind die besten Schüler*innen, die Lehrer*innen werden wollen – und es schließlich auch werden:

  • Nur 10% der Bewerber*innen für ein Lehramtsstudium werden dafür zugelassen (die besten). 
  • Lehrer*innen werden nicht besonders gut bezahlt, aber genießen gesellschaftlich höchste Anerkennung. Hinzu kommt: sie haben viel Urlaub. 
  • Teacherhood is not a profession, it is a life project„. Oder anders gesagt: „Teachers want to be teachers. They stay teachers. They enjoy being teachers. They flourish as teachers.“
  • Die Ausbildung ist sehr anspruchsvoll und fundiert. Anders als in anderen Ländern (z.B. in Deutschland) studiert man nicht in erster Linie ein Fach und macht dann ein bißchen Pädagogik zusätzlich, sondern studieren „Lehrer*in-Sein“: Das Studium dauert 5 bis 6 Jahre und ist theoretisch basiert und wird auf höchstem Niveau professionell begleitet. Der Ansatz wissenschaftlicher Fundierheit gehört auch zum Professionsverständnis: „When they Teach, they research what they teach,“ sagt Matti Hellström.  Während ihres Studiums müssen die angehenden Lehrer*innen ihre eigene, persönliche Unterrichtstheorie aufschreiben und theroertisch reflektieren. Und später müssen sie diese erneut aufschreiben. So wird gewährleistet, dass jede*r Lehrer*in ihren eigenen – fundierten – Unterrichtsansatz entwickelt. 

Lange gemeinsam lernen: Es gibt in Finnland keine Privatschulen. Stattdessen gibt es eine „Grundschule“, die alle Schüler*innen 9 Jahre lang gemeinsam besuchen. Erst in den letzten drei Jahren werden die von Fachlehrer*innen unterrichtet. Erst danach gehen die Schüler*innen entweder aufs Gymnasium oder beginnen eine Berufsausbildung. 

Less is more“ ist eine treffende Beschreibung der quantitativen Verhältnisse des finnischen Schulwesens: Kinder gehen erst mit 7 Jahren zur Schule (vorher Kindergarten und Vorschule), haben nur 190 Schultage pro Jahr, haben nur 4 bis 7 Schulstunden am Tag und lange Pausen während des Tages. „We throw things are away which are not important“, sagt Matti Hallström.

Es gibt eine hohe Schulautonomie: d.h. Curricula werden auf Schulebene entwickelt und umgesetzt, ebenso auf Schulebene werden Innovationen entwickelt und das Schulbudget autonom verwaltet. 

Ebenso gibt es die Autonomie der einzelnen Lehrer*innen: „The best Thing a Teacher can reach is a personal way to teach“ – die Ausbildung ist darauf angelegt, diesen persönlichen Weg zu finden. 

Lehrer*innen und Schüler*innen essen gemeinsam – und entwickeln so eine Beziehung jenseits des Unterrichts. 

Wenn Schüler*innen sich schwertun, bekommen sie besondere Förderung. Der Ansatz ist konstruktives Feed-Back und Unterstütztung, nicht Bewertung und Bestrafung. 

Aktuelle Reformen

Unlängst wurde in Finnland eine Bildungsreform und ein neues Curriculum verabschiedet. Dazu werde ich an zu einem späteren Zeitpunkt etwas schreiben. 

Eine Bibliothek ist mehr als eine Bibliothek

Unser Kurs findet die meiste Zeit in der Bibliothek Vantaa statt – tatsächlich ist es nur eine von 10 Bibliotheken in der 220.000-Einwohner-Stadt. Am Nachmittag bekamen wir von der stellvertretenden Leiterin eine kleine Führung. Dabei wurde deutlich: diese Bibliothek (und andere Bibliotheken in Finnland ist mehr als eine Bibliothek: 

  • Unser Tagungsraum ist eigentlich ein Raum für Karaoke: Komplett ausgestattet mit neustem Equipment, um Karaoke zu singen – und jede*r kann ihn nutzen – wovon auch viele Gebrauch machen. Gleich nebenan befindet sich ein Tonstudio – voll ausgestattet mit diversen elektrischen Musikinstrumenten. Mehrere Band proben dort. U.a. auch die Hausband der Mitarbeiter*innen der Bibliothek…
  • Das Personal soll „sinnvollere Dinge“ tun, als Bücher ausgeben und in Regale sortieren. Tatsächlich geben die Bibliotheksmitarbeiter*innen z.B. Einführungskurse in die Nutzung von Tablets oder die Nutzung des Internets (z.B. für ältere Menschen). 
  • Die Ausleihe von Büchern erledigen die Kundin*innen mittels eines Selbstscan-Systems. Zurückgebrachte Bücher stellen die Kund*innen auch selbst in die Regale zurück. Für das Einsortieren von Büchern soll künftig ein Robotersystem erprobt werden. 
  • Es gibt diverse Computerarbeitsplätze; man kann sich auch Notebooks ausleihen.

Hier einige Eindrücke aus der Bibliothek: 

Von Finnland lernen!

BiWenNa-Mitarbeiter und DiEDa-Team-Mitglied Rasmus Grobe reist Mitte November nach Helsinki, um dort mehr über Lernen mit Tablets und auch die Geheimnisse der finnischen Bildungssystems zu lernen. Dank an das Erasmus+-Programm der Europäischen Union, das diese Reise ermöglicht!

Rasmus bloggt über seine Erlebnisse und Erkenntnisse! -> Hier auf lernen-neu-denken -> Menüpunkt „Von Finnland lernen“ -> Blog: Von Finnland lernen.

Hurra, das Fallvignettenbuch ist da!

Drei Jahre lang haben wir Interviews mit Lernenden, Weiterbildner*innen und Bildungsmanager*innen geführt und ausgewertet. Es ging dabei um zentrale Fragen moderner beruflicher Weiterbildung:

  • was macht gutes Lernen Erwachsener aus?
  • welche Bedeutung hat Selbstorganisation in der beruflichen Weiterbildung?
  • wie werden digitale Medien eingesetzt und warum?
  • wie entstehen Innovationen (nicht)?

Die Quintessenz dessen stellen wir in einem Buch vor, das die einzelnen Interviews und unsere Reflexionen dazu umfasst.

Wir publizieren das Buch in mehreren Versionen:

Um die Lektüre zu strukturieren, schlagen wir Lesepfade vor, die sich um einzelne Schwerpunkte – oder unsere Lieblingszitate – ranken. Dabei folgen wir einer pädagogischen fuzzy logic, die hoffentlich Praktiker*innen, Lernende, Studierende und Forscher*innen zum Brückenschlagen einlädt und inspiriert.

Einladung zum Online Dis-Kurs

15.-29.10.18: Online-Dis-Kurs zu Selbstorganisiertem Lernen *mit & ohne* Digitale Medien

Wie kann selbstorganisiertes Lernen in der beruflichen (Weiter-)Bildung gelingen? Wie können Digitale Medien dabei helfen? Darum geht es im Online-Dis-Kurs „lernen mit & ohne“ vom 15.-29.10.18. Das Angebot richtet sich an Erwachsenenbildner*innen, Bildungsmanager*innen, Personalentwickler*innen und andere, die sich dafür interessieren, wie Lernen selbstorganisierter gestaltet werden kann – auch durch den Einsatz Digitaler Medien.

Jetzt anmelden: https://www.oncampus.de/weiterbildung/m … t-und-ohne

Warum „Dis-Kurs“? Es wird zwar einige vorbereitete Impulse geben, vor allem möchten wir aber Ideen und Erfahrungen der Teilnehmenden sammeln und darüber in Austausch kommen. Die gebündelten Ideen werden aufbereitet und – nicht nur für die Kursteilnehmenden – als Offene Bildungsressourcen (OER) zur Verfügung stehen. Selbstverständlich sind auch die von uns eingestellten Inhalte OER.

Dieser Dis-Kurs ist Teil des Projekts DiEDa (Entwicklung einer Weiter­bildungs­didaktik für selbstorganisierte Lernprozesse mit Fokus auf lernerorientierte Differenzierung und unter sinnvollem Einsatz von digitalen Medien), eine Kooperation zwischen dem Institut Technik und Bildung der Universität Bremen (ITB) und der Bildungswerkstatt für nachhaltige Entwicklung (BiWeNa), Verden. Gefördert wird das Projekt im Rahmen des Programms „Innovative Ansätze zukunftsorientierter beruflicher Weiterbildung im Förderbereich Berufliche Weiterbildung“ aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF).

Wir freuen uns auf Ihren / Euren Input!

Anmelden: https://www.oncampus.de/weiterbildung/m … t-und-ohne

Projektwebseite: https://www.lernen-neu-denken.de

Twitter: #lernenmitundohne

Facebook: https://www.facebook.com/events/667440253635307/

Wir freuen uns über rege Teilnahme und einen erhellenden Austausch.

Reflexionsfragen zum Einsatz digitaler Medien: IM FLOVV

Das IM FLOVV Modell beinhaltet sieben Reflexionsfragen, die sich z.B. Pädagog*innen stellen können, um den Einsatz oder die Nichtnutzung digitaler Medien für ein bestimmtes Lernsetting zu begründen. Es kann auch zur wissenschaftlichen Reflexion digitaler Medien genutzt werden. Die Kernidee des Modells besteht darin, bewusst zu machen, warum z.B. ein digitales Tool verwendet werden soll und wie es so verwendet werden kann, dass die positiven Potentiale des Digitalen auch genutzt werden. Wir haben das Modell im BMBF-geförderten Projekt DiEDa ausgehend von der Forschung von Sherry Turkle formuliert. Turkle ist Professorin am MIT und untersucht seit Jahrzehnten mit interdiszipliänerem und internationalen Blick die mehr oder weniger gelungene Verwendung digitaler Schnittstellen in verschiedenen Lebensbereichen.

 

Update: IM FLOVVV

Durch Diskussionen entwickelte sich das Modell weiter. Zum einen finden wir es wichtig, den Blick auf das digitale Lernarrangement als Ganzes, nicht auf einzelne Tools zu lenken. Zum anderen kommt das Kriterium „Verhältnismäßigkeit“ auf Vorschlag von Martin Lindner dazu.

Bei Twitter kam die Frage auf, ob jede der Reflexionsfragen mit „ja“ zu beantworten sei. Um zu verdeutlichen, dass wir IM FLOVVV nicht als bürokratische Checkliste sehen, sondern als einen Ansatz zur Reflexion, ergänzten wir in den ersten Fragen ein „Inwiefern“ oder „Wie“.

Ein Beispiel, wie wir in Bezug auf unseren Online-Dis-Kurs die (alten) IM FLOVV-Fragen beantwortet haben, findet sich hier: https://h5p.org/node/287804

Lernen lebt von Vernetzung: Interview mit Karlheinz Pape

Im Rahmen unserer Interviews mit Lehrenden und Lernenden führten wir ein Gespräch mit Karlheinz Pape, dem Gründer und Mitglied der Corporate Learning Community .

Wir dürfen dieses Interview als Podcast publizieren und lassen daher – an Stelle eines zusammenfassenden Textbeitrags – den Experten selbst zu Wort kommen: https://colearn.de/clp048-interview-zu-selbstgesteuertem-lernen/

„Bin ich schon drin?“: Ein Bericht über erste Erfahrungen mit Twitter

Inspiriert von einer Interviewpartnerin, die uns Twitter als Teil ihres Lernnetzwerks vorstellte, meldete ich mich als neue Mikrobloggerin an. Die erste Hürde bestand darin, mir einen Nutzernamen zu geben: authentisch sollte er sein, aber mein Vor- und Nachname waren schon von  einer anderen Joanna Burchert in Beschlag genommen. Ich wählte also die fesche Abkürzung @jo_burchert und machte mich ans Werk. „Startkapital“ in Form von Menschen, denen ich folgen könnte, fand ich in dem Blogeintrag  http://www.rete-mirabile.net/lernen/twitter-einstieg-fuer-lehrer/.

Die Hauptansicht bei Twitter besteht aus einem Strom von Kurzmitteilungen – den berühmten erst 140, jetzt 280 Zeichen. Diese Zeichen werden oft um Bilder oder Kurzvideos ergänzt.  Ich hatte angenommen, dass ich nur die Einträge der Nutzer_innen sehen würde, denen ich folge – das stimmt aber nicht, es entsteht eine bunte Mischung von durch mich selbst vernetzten, gesponserten und scheinbar zufälligen Beiträgen. Ich sehe auch nicht jeden Beitrag von Menschen, denen ich folge, weil der Mitteilungsstrom ständig aktualisiert wird. Tweets von vorgestern muten angesichts all dessen, was zwischendrin gepostet wurde, so veraltet an, dass ich mich seltsam dabei fühle, noch auf sie zu reagieren. Aber ich mache das, so, wie ich auch „alte“ Bücher lese: weil sie genauso gut sein können wie jeder Text von heute.

Ich habe mir vorgenommen, v.a. Interessantes aus meinen Projekten DiEDa, nabus und LaSiDig zu twittern. Routiniert im Umgang mit Suchmaschinen hatte ich angenommen, dass ich durch die Eingabe der üblichen Stichworte schnell Menschen finden würde, die an den jeweiligen Themen interessiert sind. Das erwies sich als Trugschluss: natürlich zeigt die Suche etwas an, aber nicht unbedingt das, was ich brauche. Erst nachdem eine Logistikfirma eine Mitteilung von mir aufgriff („retweetete“), fand ich z.B. Speditionen, die Twitter einigermaßen lebhaft nutzen. Diese für mich wichtigen Nutzer_innen interessieren sich aber (noch) nicht für mich, so dass ich ihnen zwar folge, für sie aber vermutlich unsichtbar bleibe, weil sie wiederum nicht meine Follower wurden.

Twitter ist für mich ein Phänomen, das ich erforsche, aber zugleich auch eine Methode, Themen und Menschen zu entdecken. Ich klicke mich z.B. nicht nur durch meinen Mitteilungsstrom, sondern auch durch Tweets der Personen, denen für mich interessante Mikroblogger_innen folgen oder schaue, welche Posts es zu interessanten Hashtags gibt. Die Herausforderungen der Netzwerklogik nehme ich an:  zufälliges Lernen, schräge Mischungen und die Balance zwischen Filterblase und totaler Offenheit.

Drei typische Fallstricke im E-Learning

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Es scheint, dass unterschiedliche E-Learning-Angebote mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind. Eine Umfrage im Rahmen eines MOOCs verweist auf die folgenden typischen drei Fallstricke:

Lonely Learning: Das Potential des Internets liegt in der Vernetzung von Menschen mit ähnlichen Interessen. Dennoch geben viele Lern-Plattformen ihren Nutzer*innen das Gefühl, allein zu sein – es fehlen Feedback, Informationen über die anderen Teilnehmer*innen und Anreize zum gemeinsamen Lernen.

Quick and Dirty: Manche Plattformen und Programme animieren eher zum schnellen Durchklicken und Quiz-Knacken als zum Lernen und Reflektieren. Das scheint auch in der Darstellungsform begründet zu sein – zu lange Texte oder Übungen ermüden. Vor allem aber ärgern sich die Lernenden über die Trivialisierung von Inhalten – sie fühlen sich oft unterfordert und gelangweilt.

User-unfriendly and useless: Im Zeitalter von Augmented Reality erwarten die Nutzer*innen digitaler Medien schöne Plattformen, die intuitiv verwendbar sind und keine Parallelstrukturen zu bestehenden guten Lösungen schaffen.