Zum Hauptinhalt springen

Finnland: Tag 6

Digital Competence Framework for Educators und Let’s make Videos!

Heute war tatsächlich der letzte Tag des Kurses. Inhaltlich ging es zunächst um das Digital Competence Framework for Educators der EU – und damit letztlich den großen Rahmen, innerhalb dessen sich unser Kurs und die Arbeit aller Teilnehmenden bewegt. 

Der Kompetenzrahmen ordnet die Kompetenzen, die im Bildungsbereich Tätige (zukünftig) benötigen verschiedenen Kompetenzbereichen zu – und beschreibt sehr genau, woran diese Kompetenzen gemessen werden können. Im Überblick sieht das Kompetenzmodell so aus: 

Quelle: EU SCIENCE HUB, https://ec.europa.eu/jrc/en/digcompedu

Bei genauerer Betrachtung finden wir in den verschiedenen Kompetenzbereichen vieles von dem wieder, was wir in den vergangenen Tagen in der Praxis der Lehrer*innen in den finnischen Schulen sehen konnten – und dabei handelt es sich am wenigsten um jene Kompetenzen, die man unter der Überschrift „digitale Kompetenzen“ erwarten könnte: vielmehr geht es dabei sehr viel um pädagogische Aspekte: 

Quelle: EU Science Hub, https://ec.europa.eu/jrc/sites/jrcsh/files/digcompedu-figure.png

Ähnlich wie bei den Sprachen gibt es dabei verschiedene Kompetenzstufen: 

Quelle: EU Science Hub, https://ec.europa.eu/jrc/sites/jrcsh/files/figure_5_2018-01.jpg

Die EU-Kommission testet derzeit ein Tool zum Selbsttest für die verschiedenen Kompetenzen: https://ec.europa.eu/jrc/en/digcompedu/self-assessment.

Ich halte den Kompetenzrahmen für ein sehr wichtiges Instrument, nicht zuletzt um sich eigener Kompetenzen zu vergewissern, diese zu strukturieren und Entwicklungsaufgaben zu formulieren. Auf jeden Fall war es ein sinnvoller Abschluss unserer Lernwoche, um manche Beobachtungen besser einordnen zu können. 

Auswertung einmal anders: Let’s make a Movie!

Neben der obligatorischen Auswertung mittels Online-Formular zu verschiedenen Aspekten des Kurses (mittels Software Lime Survey), erstellten wir in Kleingruppen kurze Videos mit persönlichen Statements zu den Lernerfahrungen (Wichtigstes „Learning“, Was will ich umsetzen? Was sind meine nächsten Schritte?). Nach einer kurzen Einführung in iMovie auf dem iPad (wichtigste Funktionen) ging es rasch in Produktion: in nur einer Stunde waren die Videos fertig, die wir dann alle zusammen anschauten – ein motivierender Abschluss. 

Zum Abschluss gab es dann die Teilnahmebescheinigungen und Abends ein Farewell-Dinner. 

In den nächsten Tagen werden ich noch weitere Blog-Beiträge zu meiner Reflexion von dieser Reise schreiben!

Finnland: Tag 5

Tablet-Apps und außerschulische Lernorte

Am Donnerstag ging es zunächst um hilfreiche Ticks und Tipps, um die Arbeit mit Tablets barriereärmer zu machen. Dazu gehören vor allem die verschiedenen Möglichkeiten der Sprachunterstützung (Sprache zu Text, gesprochene Wiederholung von geschriebenen Buchstaben oder ganzen Sätzen.

Vor allem aber probierten wir in einem Parcours verschiedene pädagogisch nutzbare Apps für Tablets aus: 

Quizzes und Umfragen

  • Socrative – eine App für Quizzes und Umfragen
  • Plickers – eine-Frage-App, die mit Code-Schildern auf Papier arbeitet (d.h. die Teilnehmenden brauchen selbst kein Endgerät)

Augmented Reality

Froggipedia

OSMO – OSMO ist ein ganzes Set von Spielen (nur fürs iPad): Tangram, Words, Monster, …

Spielerisch Wirtschaft und Gesellschaft verstehen

Am Nachmittag waren wir dann in Yrityskyla – einer Lernwelt, in der Kinder in der sechsten und neunten Klasse spielerisch Gesellschaft und Wirtschaft kennen lernen: indem sie einen Vormittag lang in die Rolle von Beschäftigten verschiedener Unternehmen schlüpfen und miteinander in Austausch treten – sie müssen Waren verkaufen, werden bezahlt, haben Schichten und Freizeit (in der sie z.B. einkaufen und wählen gehen müssen …). Die Version für die sechste Klasse spielt sich in einer Halle ab, in der sich die verschiedenen Ladengeschäfte der Unternehmen der Kinder befinden (auch das Rathaus, Finanzamt, ein Café, …). Unterstützt wird das Spiel durch eine Online-Lernumgebung auf Tablets.

In der Version für die neunte Klasse spielen die Kinder nur noch virtuell in einer Onlineumgebung auf Tablets. Sie sind dann jeweils ein Management-Team (mit verteilten Rollen) eines international operierenden Unternehmens – das Ziel ist es Profit zu machen, aber auch gesellschaftliche und Umweltaspekte zu berücksichtigen. 

Beide Versionen werden jeweils intensiv in der mit der/dem Lehrer*in in der Schule vor- und nachbereitet. Hierfür gibt es spezielles Unterrichtsmaterial für die Lehrer*innen und diese werden auch extra geschult. 

Yrityskyla wird getragen von der Non-Profit-Organisation TAT. Es gibt Yrityskyla an verschiedenen Standorten in ganze Finnland und so gelingt es jedes Jahr 75% der Sechstklässler*innen und 40% der Neuntklässler*innen zu erreichen. Die Yrityskyla kooperiert mit einer Reihe von Unternehmen, die dann jeweils auch die „Spielunternehmen“ darstellen, wobei es dabei regionale Unterschiede gibt, je nachdem wer ggf. vor Ort ansässig ist. 

Hier ein Video von Yrityskyla über das Konzept, das ursprünglich Me&My City hieß, aber mittlerweile den finnischen Namen trägt. 

Das Konzept wurde auch in andere Länder exportiert

Hier noch einige Eindrücke:

Noch ein außerschulischer Lernort: Heureka

Am späten Nachmittag erkundeten einige von uns noch einen weiteren außerschulischen Lernort: das außerordentlich gut gemachte Science-Museum Heureka in Vantaa mit verschiedenen Ausstellungsbereichen wie dem „Planetarium“ (ein 360-Grad-Kino zu planetarischen Themen), physikalischen Phänomenen und Experimenten, etc.

Finnland: Tag 4

Flexible Lernumgebungen, Shared Learning und Co-Teaching

Hämeenkylän koulu, Vantaa

Am Mittwoch ging es vormittags abermals in eine Schule, um dort „anderes Lernen“ kennenzulernen. Die Hämeenkylän koulu wurde auch über die Grenzen Finnlands bekannt, weil Michael Moore sie in seinem Film „Where to invade next“ als Beispiel für die Innovationen finnischer Schulen zeigt und dabei unter anderem Schulleiter Pasi Majasaari interviewt, der uns an diesem Vormittag seine Schule auch selbst vorstellt.

Die Schule mit ca. 750 Schüler*innen ist seit etwa zwei Jahren Übergangsweise in anderen Gebäuden untergebracht, weil das alte Schulgebäude gesundheitsbelastend war. Derzeit wird eine neue Schule gebaut und dabei die besonderen Vorstellungen der Schule zur Raumaufteilung berücksichtigt. Womit wir beim Hauptthema des Vormittags wären: Lernumgebung. Wobei Pasi Majasaari betont, dass es dabei um die physische Lernumgebung geht, aber auch psychologische Faktoren und soziale Beziehungen eine Rolle spielen. Wobei die physische Lernumgebung, also Gebäude, Möbel und Lernmaterialien eine besondere Rolle spielen. 

Pasi Majasaari berichtet, dass er vor einigen Jahren auf den Gedanken kam, in seiner Schule einiges zu verändern. Für den Plan, der in den folgenden Jahren umgesetzt wurde, musste er zunächst das Kollegium gewinnen – wobei es auch große Skepsis gab. Die Zeit und lange Gespräche hätten aber letztlich alle überzeugt. Heute wolle niemand mehr zur alten Schule zurück, sagt er. 

Die Veränderung besteht aus verschiedenen Aspekten, wobei zwei besonders wichtig sind: 

Die erste Veränderung betrifft die räumliche Organisation der Schule: es gibt keine Klassenzimmer mehr, stattdessen thematische „Learning Areas“: also einen großen Bereich jeweils für Mathematik, für Naturwissenschaften, Musik, Hauswirtschaft etc. In diesen Bereich halten sich mitunter gleichzeitig mehrere (bis zu drei) Klassen gleichzeitig auf und werden dabei von mehreren Lehrer*innen (sofern es mehrere Klassen sind) betreut. Die Learning Areas (die größten bieten Platz für bis zu 75 Kinder) bestehen aus großen Räumen mit einzelnen Arbeitsplätzen, zu denen die Schüler*innen ihre Materialien, z.B. ihren Laptop (jedes Kind hat einen) mitbringen. Es gibt in jedem Learning Area aber auch kleinere Stillarbeitsräume und schallgedämpfte Sitzecken, so dass eine Differenzierung bzw. ein Zurückziehen möglich ist. Die Schüler*innen wandern also während des Tages und der Woche zwischen diesen Lernbereichen. Als persönlichen Fixpunkt hat jede*r Schüler*in ein Schließfach. Und es gibt diverse – auch gemütliche – Sitzgelegenheiten auf den Fluren. 

Hier einige Impressionen: 

Nett: um 10:00 Uhr gibt es immer eine kurze Unterbrechung. Schüler*innen suchen einen Song aus, der über die Lautsprecheranlage gespielt wird, gefolgt von einer kurzen Ansprache (von Schüler*innen?!).

Die andere große Veränderung betrifft die Art und Weise, wie Lehrer*innen kollegial unterrichten. Die Art und Weise ähnelt dabei dem Ansatz, den wir bereits an der an der anderen Schule kennen gelernt haben: Schüler*innen bearbeiten Aufgaben in ihrem Tempo – die Materialien dafür werden teilweise von den Lehrer*innen extra erstellt, bzw. der Ansatz ist, dass sie sich das erforderliche Wissen selbst aus verschiedenen Quellen erarbeiten. An dieser Schule scheint nochmal besonders die Betreuung der Klassen in Teams zu sein. Dazu gehören für jede Klasse der*die Klassenlehrer*in, die (in den unteren Jahrgangsstufen wenigen) Fachlehrer*innen und ein*e Förderlehrer*in. Alle vier Wochen legt das Team die Lehr-Lerninhalte und die Ziele und Evaluationsmethoden die nächste Zeit fest und geht gedanklich die gesamte Klasse durch: Wer braucht Unterstützung? Wer könnte noch mehr erreichen? Dann werden Unterstützungsressourcen und verfügbare Lernumgebungen geplant. Nach vier Wochen werden Lernmethoden und Unterstützung evaluiert und erneut geplant. 

Bezüglich der Unterstützungsmethoden erhielten wir weitere Ausführungen von einem der Special Education Teachers: 

  • Über die Mindestanforderungen hinaus können Schüler*innen durch zusätzliche individuelle Lernaufgaben mehr lernen und herausgefordert werden (bis hin zur Bearbeitung von Aufgaben für die Sekundarschule)
  • Im normalen – alltäglichen – Rahmen der Lerninhalte können innerhalb der gemeinsamen Lernumgebung Schüler*innen individuelle Lernpfade verfolgen und werden dabei von der*dem Klassenlehrer*in unterstützt
  • Einzelne Schüler*innen in kleineren Lernräumen (am Rande der gemeinsamen Lernumgebungen) in Ruhe lernen und werden dabei ggf. von Förderlehrer*innen unterstützt
  • In Special Education Workshops gibt es die Möglichkeit Schüler*innen in Zeiten von Krisen oder temporären, fachbezogenen Lernschwächen besonders zu fördern (z.B. 3 Wochen lang)
  • Schüler*innen mit dauerhaften Lernschwierigkeiten oder stark einschränkenden Behinderungen werden in gesonderten Förderklassen in der gleichen Schule unterrichtet, so dass sie an übergreifenden Aktivitäten und auch bestimmten gemeinsamen Fächern teilnehmen können. 

Auf Nachfrage erfahren wir, dass sich die Hämeenkylän koulu nach zwei Jahren Erproben von einem weitgehenden Inklusionskonzept verabschiedet und stattdessen Förderklassen eingeführt hat. 

Am Nachmittag…

… gab es dann etwas kulturelle Abwechslung: Wir erkundeten Helsinki – allerdings natürlich nicht einfach so, sondern in Kleingruppen mittels der App Actionbound, – einer Schnitzeljagd mittels Smartphone. Außerdem erstellten wir E-Books zu unseren Helsinki-Eindrücken mit der App Bookcreator.

… und einige von uns (darunter ich) nutzten die Chance, die phantastischen Installationen im Amos Rex zu sehen: 

Finnland: In welchem Ökosystem lernst du?

Googeln oder in den Apple beißen?

… oder was?

Seit dem Kennenlernen des Flipped Learning-Ansatzes an der Veromäen Koulu geht mir ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf: Die Wahl des „Ökosystems„, wie es die Informatiker*innen nennen, ist eine sehr entscheidende Frage für die Organisation des computer-gestützten Lernens. In unserem Kurs und auch an der Veromäen-Schule ist dabei Google allgegenwärtig (an der Schule sogar in Form von Hardware – wobei sie in einer Klasse gerade auch für Acer deren Tablet „testet“). Nach allem, was wir gesehen haben, macht das auch durchaus Sinn: Google bietet mit der G-Suite, Google-Classroom und Google Drive eine Umgebung, die für den pädagogischen Einsatz durchaus gut geeignet ist – vor allem, weil sie vielseitig anwendbar und dabei trotzdem relativ einfach und Nutzer*innen-freundlich ist – und kollaboratives Arbeit ermöglicht. Und damit ist die Software wesentlich zeitgemäßer als die meisten Learning Management Systeme (wie Moodle, mit dem ich selbst arbeite), in denen kollaborative Elemente (insbesondere synchrone) schlecht ausgebildet sind.

Mir geht es hier gar nicht darum, die bekannten und aus meiner Sicht berechtigten Kritiken an Google oder anderen Konzernen zu wiederholen (Datenschutz, Konzernmacht, …). Mein Punkt ist ein anderer: Gemeinsames zeitgemäßes, computer-unterstütztes Lernen und Lehren in einem komplexen Lernsystem wie einer Schule setzt eine Lernumgebung voraus, für die eine strategische Entscheidung getroffen werden muss. Das ist weniger eine Frage der Hardware (Tablet oder Notebook), sondern der rahmengebenden Software. Dass diese Entscheidung nicht immer so informiert getroffen wird, wie es sinnvoll wäre, wissen wir aus diversen Interviews im Rahmen des DiEDa-Projekts. 
Ich habe außerdem gelernt: Bei einer solchen Entscheidung spielt die User Experience eine wichtige Rolle – und hierbei wiederum, wie „lebensweltlich“ die gewählten Programme und Apps sind. Es macht wenig Sinn, auf ein Lernmanagement-System zu setzen, dass Anwendungen erzwingt, die eher schlecht funktionieren und für deren Zweck die Lernenden vielleicht aus ihrem Alltagsgebrauch bereits viel bessere Tools kennen. Aus dieser Überlegung heraus setzt z.B. einer unserer DiEDa-Interview-Partner auf Office 365.

Am Ende des Tages ist also die Frage: In welchem Ökosystem wird das Lernen organisiert – und dabei ist völlig klar, dass dies ein Markt ist, um dessen Eroberung die großen Konzerne kämpfen: Google, Apple, Microsoft (mit Verspätung). Ihre wichtigsten Türöffner*innen: Lehrer*innen und „Modellschulen“, die ihre Produkte testen und anderen dabei „helfen“, damit zu arbeiten. So sind in Deutschland manche Schul-Medienberater*innen auch „zertifizierte Apple Professional Learning Specialists“ oder „Apple Distinguished Educator“. Google arbeitet genauso – „zertifizierter Trainer“ heißt es dann.

Und sonst so? In Deutschland wird ja die „Schul-Cloud“ entwickelt, die schulübergreifend ein übergreifendes Ökosystem für Schulen (und später als „Bildungscloud“ auch für andere Bildungseinrichtungen) bieten soll. Das System soll offen für Apps von Drittanbietern sein, außerdem sogar Open Source. Aber das mit acht Millionen Euro von der deutschen Bundesregierung geförderte und vom Hasso-Plattner-Institut umgesetzte Projekt wird skeptisch gesehen, wie dieser Beitrag von Philip Banse im Deutschland-Funk zusammen fasst: https://www.deutschlandfunk.de/digitalisierung-in-deutschland-ein-wirrwarr-von-schul-clouds.680.de.html?dram:article_id=420683. 

Vor allem ist die Frage, wann dieses Cloudlösung über die Entwicklungsphase hinauskommt. Denn in der Zwischenzeit treffen Lehrer*innen, Schulen und andere Bildungseinrichtungen Entscheidungen.

Und stehen dabei vor der Frage: Googeln oder in den Apfel beißen?

Finnland: Tag 3

Flipped Learning in Praxis und Theorie

Veromäen Koulu

Heute hieß es „Let’s go to school again:“ Wir besuchten die Veromäen Koulu in Vantaa – eine „Grundschule“ (Klasse 1 bis 9). Für mich als Erwachsenenbildner war dies ein größerer Schritt als für die Lehrer*innen im Kurs, die zudem natürlich direkte Vergleiche zu ihrer eigenen Praxis zogen. Und dennoch hatte ich spätestens gegen Mittag mein „Thema des Tages“ gefunden – aber dazu später mehr. 

Unser Begleiter des Tages war Markus Humaloja, Lehrer an der Veromäen Schule und – wie sich bald herausstellte – weit über die Schule bekannter Schulreformer. Und das hat etwas mit den Veränderungen im eigenen Unterricht zu tun, die Markus vor etwa vier Jahren zusammen mit zunächst wenigen Kolleg*innen angestoßen hat. 

Sammeln und Begrüßung im Lehrer*innen-Zimmer: Durchaus gemütlich ist es dort: Sofas und eine Küchenzeile mit einem Esstisch und Barhockern. Aber für uns geht es nach nebenan, wo uns Markus eine kurze Einführung zur Schule gibt: ca. 850 Schüler*innen aus dem umgebenden Schulbezirk, ca. 60 Lehrer*innen und ca. 10 sonstige Mitarbeiter*innen. Die Schule selbst blickt auf eine 100jährige Geschichte zurück und besteht aus mehreren Gebäuden, die teilweise einige Minuten Laufentfernung auseinander liegen (wie wir später selbst feststellen werden). 

Die „Schulkultur“ bestehe aus vier wichtigen Aspekten: Lernkultur, Teilen von Wissen und Ideen, Wohlbefinden und Informations- und Kommunikationstechnologie. Zu allen vier Aspekten gibt uns Markus Erläuterungen: 

  • Endgeräte für alle: Jede*r Schüler*in hat ein persönliches Endgerät. Konkret handelt es sich dabei um ein Chromebook (von Google – überhaupt läuft hier ohne Google gar nichts, aber dazu später mehr…), von der Schule bezahlt und von Schüler*innen persönlich genutzt – ab der 3. Klasse dürfen und sollen die Schüler*innen den Rechner mit nach Hause nehmen. Markus stellt aber klar, dass die Computer nicht alles seien, es werde auch weiterhin mit Stift, Papier, Schulbüchern und anderen Materialien gelernt. 
  • Personalisiertes, kollaboratives Lernen: Die „Lernkultur“ funktioniert so: die Lehrer*innen haben vor Montag eine „Task List“ für die ganze Woche fertig – für alle Fächer. Dies ist zwischen dem für die Klasse zuständigen Lehrer*innen-Team abgestimmt (Klassenlehre*in plus Fachlehrer*innen). Die Schüler*innen müssen diese Liste bis zum Ende der Woche abgearbeitet haben – sie entscheidend weitestgehend selbst, wann sie was bearbeiten. Wichtig ist, dass alle bis zum Beginn der nächsten Woche fertig sind. Im „Unterricht“ stehen die Lehrer*innen eher selten vor der gesamten Klasse, um für alle etwas „frontal“ zu erklären: maximal 3 mal die Woche für 5 bis 15 Minuten. In den Unterrichtsstunden (die ganze Stunden sind) arbeiten die Schüler*innen für sich an den Aufgaben – wenn sie Hilfe brauchen, melden sie sich und der*die Lehrer*in kommt dazu. Das ist in den unteren Klassenstufen (bis zur 6. Klasse) vor allem die Klassenlehrer*in; nur in wenigen Fächern ist ein*e Fachlehrer*in im Einsatz. Neue Inhalte werden über Schulbücher, E-Books oder eigene Recherchen erschlossen. Bei den Aufgaben gibt es immer eine gewisse Anzahl, die von allen bearbeitet werden muss – und dann gibt es Zusatzaufgaben.
Struktur und Selbstüberprüfung beim selbstgesteuerten Lernen (CC-BY NC ND Markus Humaloja, https://docs.google.com/presentation/d/1dgeys9qfWJWQF7ZknVh-z9MWgHcvytga4SYJ-lsoKtQ/edit#slide=id.g35e31185be_0_0)
  • Die Schüler*innen wissen: Wer „exzellent“ sein will, also gute Noten haben will (die erst in den höheren Klassenstufen gegeben werden), muss sich auch an diese Aufgaben machen. Und es gibt immer Schüler*innen, die auch diese schon vor dem Wochenende gelöst haben – wer fertig ist, kann andere Dinge tun, auch spielen – wobei es klare Regeln gibt: Computerspiele oder Handydaddeln sind tabu – aber Markus hat immer noch einen Pool von Spezialaufgaben parat, auf den die Schüler*innen zugreifen können. Die Schüler*innen machen während des Lernens Selbsttests – so wissen sie und die Lehrer*innen, was sie gelernt haben. Die Kriterien für den erreichten Standard sind dabei transparent. 
  • Wissen und Ideen teilen (mit Google): Die Schule arbeitet mit der Google Suite und hat hierfür eine Education-Lizenz mit einer Sondervereinbarung, um alles konform mit der Datenschutzgrundverordnung zu machen: Der Server steht in Europa und Google verpflichtet sich, keine Daten zu nutzen. Dafür zahlt die Stadt Vantaa zusätzliches Geld und kann nur eine Auswahl von Apps nutzen. Wichtigste Bestandteile: Google Classroom und Google Slides (mit denen auch wir in unserem Kurs arbeiten). Auch die Lehrer*innen arbeiten damit und teilen untereinander Unterrichtsmaterialien. 
  • Wohlbefinden: Das „periorisierte Thema des Jahres“ ist „Wohlbefinden“, wozu Dinge wie Bewegung, frische Luft und Naturerleben gehören. 

Echter Unterricht

Wir hatten die Chance für jeweils eine Viertelstunde in zwei Klassen hinzuschauen und zu erleben, wie der Unterricht abläuft: Tatsächlich tatsächlich so, wie Markus es erklärt hatte. Die Schüler*innen sitzen an ihrer Tischen (Einzeltische in der Regel) und arbeiten an ihren Aufgaben – nutzen dabei ihre Computer, manche arbeiten aber auch in ihren Büchern. Manche melden sich und die Lehrerin kommt dann zu ihnen und klärt ihre Fragen oder gibt Feed-Back. Der Englisch-Lehrerin in der einen Klasse ist es wichtig zu sagen, dass sie nicht die ganze Zeit mit dem Rechner arbeiten. Ich frage mich später, wie das dann praktisch mit dem self-paced learning zusammen passt?! 

Neues Schulgebäude in Modulbauweise

Wir besuchten außerdem ein neues Schulgebäude in Modulbauweise, dessen Aufbau in einer Woche erfolgt war – ausgelegt ist es an dieser Schule für eine Zeit von 10 Jahren, danach könnte es abgebaut und von der Gemeinde an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. 

Etwas Theorie zu Flipped Learning und ein Blick hinter die Materialien

Markus Humaloja erläutert Hintergründe zu „Flipped Learning“

Am Nachmittag waren wir dann zurück in unserem „Base-Camp“ in der Vantaa Bibliothek. Dort gab es von Markus Humaloja noch etwas Theorie zu der Praxis, in die wir einen kleinen Einblick bekommen hatten: Er nennt ihr Konzept Flipped Learning und sagt gleich dazu, dass es mehr als das ist, was unter Flipped Classroom bekannt ist, also Umgedrehter Unterricht. Er sagt auch gleich dazu, was der Unterschied ist: Während Flipped Classroom eine Lehrmethode ist, sei Flipped Learning eine „Lernideologie“, in der die*der Lehrer*in an Lernende an unaufgefordertes und selbst-motiviertes Lernen gewöhnt und sie auch darin unterstützt in pädagogischen Fragen selbst zu entscheiden. Insgesamt geht es dabei um eine Lerner*innen-zentrierte Lernkultur. Die wichtigsten Elemente, wie dies erreicht werden soll, habe ich oben schon angedeutet – Details finden sich in den Folien von Markus Vortrag: bit.ly/mhflippeden (CC-BY NC ND).

Interessant war dann aber noch ein Blick hinter die Materialien, die Markus versucht hat, praktisch zu gestalten, indem wir uns selbst in die Materialien einloggten (was leider nur halb funktionierte, weil einige von uns Schwierigkeiten hatten, sich mit einem neuen Google-Account in die Materialien einzuloggen, die natürlich auf finnisch sind – Google Translation übersetzt dies prinzipiell, aber das funktioniert nur vom Chrome-Browser an einem „echten Rechner“). 

Dennoch: es wurde deutlich: hinter der Erstellung der „Materialien“, wozu auch die wöchentlichen Aufgaben stehen, steckt viel Arbeit (z.B. die Erstellung von Lernvideos) – interessant dabei: es wird transparent gemacht, was die Schüler*innen erfüllen müssen, um „exzellente“ Leistungen zu erbringen.

Beispiel für die Bearbeitung von Material (CC-BY NC ND Markus Humaloja, https://docs.google.com/presentation/d/1dgeys9qfWJWQF7ZknVh-z9MWgHcvytga4SYJ-lsoKtQ/edit#slide=id.g35e31185be_1_2)

Der Zugang zu den Materialien erfolgt grundsätzlich über Google Classroom, die Materialien sind meist Google Slides, auch die Aufgaben werden in der Regel in Google Slides bearbeitet (dafür kopieren die Schüler*innen eine bereit gestellte Vorlage – der*die Lehrer*in kann dann jeweils sehen, was die Schüler*innen in ihrem Dokument bearbeiten). Eine Aufgabe könnte z.B. in Erdkunde sein, die Klimadaten für einen Ort in der subpolaren Zone zu recherchieren: sie müssen dafür zunächst einen solchen Ort identifizieren und dann dafür entsprechende Klimadaten ausfindig machen (Thomas verweist dazu gern auf öffentliche Datenbanken) – sie könnten dann einen Screenshot der Jahresverlaufsdaten dieses Ortes in das Aufgabenblatt kopieren – die Quelle müssen sie dabei angeben und schließlich die Daten beschreiben und interpretieren. 

Basic Skills für Tablets

Am späteren Nachmittag gab es noch für diejenigen, die wollten, eine Einführung in Basistechniken im Umgang mit Tablets. Da fühlte ich mich fehl am Platz und widmete mich lieber der Aufarbeitung der Tagesergebnisse…