Flipped Learning in Praxis und Theorie

Veromäen Koulu

Heute hieß es „Let’s go to school again:“ Wir besuchten die Veromäen Koulu in Vantaa – eine „Grundschule“ (Klasse 1 bis 9). Für mich als Erwachsenenbildner war dies ein größerer Schritt als für die Lehrer*innen im Kurs, die zudem natürlich direkte Vergleiche zu ihrer eigenen Praxis zogen. Und dennoch hatte ich spätestens gegen Mittag mein „Thema des Tages“ gefunden – aber dazu später mehr. 

Unser Begleiter des Tages war Markus Humaloja, Lehrer an der Veromäen Schule und – wie sich bald herausstellte – weit über die Schule bekannter Schulreformer. Und das hat etwas mit den Veränderungen im eigenen Unterricht zu tun, die Markus vor etwa vier Jahren zusammen mit zunächst wenigen Kolleg*innen angestoßen hat. 

Sammeln und Begrüßung im Lehrer*innen-Zimmer: Durchaus gemütlich ist es dort: Sofas und eine Küchenzeile mit einem Esstisch und Barhockern. Aber für uns geht es nach nebenan, wo uns Markus eine kurze Einführung zur Schule gibt: ca. 850 Schüler*innen aus dem umgebenden Schulbezirk, ca. 60 Lehrer*innen und ca. 10 sonstige Mitarbeiter*innen. Die Schule selbst blickt auf eine 100jährige Geschichte zurück und besteht aus mehreren Gebäuden, die teilweise einige Minuten Laufentfernung auseinander liegen (wie wir später selbst feststellen werden). 

Die „Schulkultur“ bestehe aus vier wichtigen Aspekten: Lernkultur, Teilen von Wissen und Ideen, Wohlbefinden und Informations- und Kommunikationstechnologie. Zu allen vier Aspekten gibt uns Markus Erläuterungen: 

  • Endgeräte für alle: Jede*r Schüler*in hat ein persönliches Endgerät. Konkret handelt es sich dabei um ein Chromebook (von Google – überhaupt läuft hier ohne Google gar nichts, aber dazu später mehr…), von der Schule bezahlt und von Schüler*innen persönlich genutzt – ab der 3. Klasse dürfen und sollen die Schüler*innen den Rechner mit nach Hause nehmen. Markus stellt aber klar, dass die Computer nicht alles seien, es werde auch weiterhin mit Stift, Papier, Schulbüchern und anderen Materialien gelernt. 
  • Personalisiertes, kollaboratives Lernen: Die „Lernkultur“ funktioniert so: die Lehrer*innen haben vor Montag eine „Task List“ für die ganze Woche fertig – für alle Fächer. Dies ist zwischen dem für die Klasse zuständigen Lehrer*innen-Team abgestimmt (Klassenlehre*in plus Fachlehrer*innen). Die Schüler*innen müssen diese Liste bis zum Ende der Woche abgearbeitet haben – sie entscheidend weitestgehend selbst, wann sie was bearbeiten. Wichtig ist, dass alle bis zum Beginn der nächsten Woche fertig sind. Im „Unterricht“ stehen die Lehrer*innen eher selten vor der gesamten Klasse, um für alle etwas „frontal“ zu erklären: maximal 3 mal die Woche für 5 bis 15 Minuten. In den Unterrichtsstunden (die ganze Stunden sind) arbeiten die Schüler*innen für sich an den Aufgaben – wenn sie Hilfe brauchen, melden sie sich und der*die Lehrer*in kommt dazu. Das ist in den unteren Klassenstufen (bis zur 6. Klasse) vor allem die Klassenlehrer*in; nur in wenigen Fächern ist ein*e Fachlehrer*in im Einsatz. Neue Inhalte werden über Schulbücher, E-Books oder eigene Recherchen erschlossen. Bei den Aufgaben gibt es immer eine gewisse Anzahl, die von allen bearbeitet werden muss – und dann gibt es Zusatzaufgaben.
Struktur und Selbstüberprüfung beim selbstgesteuerten Lernen (CC-BY NC ND Markus Humaloja, https://docs.google.com/presentation/d/1dgeys9qfWJWQF7ZknVh-z9MWgHcvytga4SYJ-lsoKtQ/edit#slide=id.g35e31185be_0_0)
  • Die Schüler*innen wissen: Wer „exzellent“ sein will, also gute Noten haben will (die erst in den höheren Klassenstufen gegeben werden), muss sich auch an diese Aufgaben machen. Und es gibt immer Schüler*innen, die auch diese schon vor dem Wochenende gelöst haben – wer fertig ist, kann andere Dinge tun, auch spielen – wobei es klare Regeln gibt: Computerspiele oder Handydaddeln sind tabu – aber Markus hat immer noch einen Pool von Spezialaufgaben parat, auf den die Schüler*innen zugreifen können. Die Schüler*innen machen während des Lernens Selbsttests – so wissen sie und die Lehrer*innen, was sie gelernt haben. Die Kriterien für den erreichten Standard sind dabei transparent. 
  • Wissen und Ideen teilen (mit Google): Die Schule arbeitet mit der Google Suite und hat hierfür eine Education-Lizenz mit einer Sondervereinbarung, um alles konform mit der Datenschutzgrundverordnung zu machen: Der Server steht in Europa und Google verpflichtet sich, keine Daten zu nutzen. Dafür zahlt die Stadt Vantaa zusätzliches Geld und kann nur eine Auswahl von Apps nutzen. Wichtigste Bestandteile: Google Classroom und Google Slides (mit denen auch wir in unserem Kurs arbeiten). Auch die Lehrer*innen arbeiten damit und teilen untereinander Unterrichtsmaterialien. 
  • Wohlbefinden: Das „periorisierte Thema des Jahres“ ist „Wohlbefinden“, wozu Dinge wie Bewegung, frische Luft und Naturerleben gehören. 

Echter Unterricht

Wir hatten die Chance für jeweils eine Viertelstunde in zwei Klassen hinzuschauen und zu erleben, wie der Unterricht abläuft: Tatsächlich tatsächlich so, wie Markus es erklärt hatte. Die Schüler*innen sitzen an ihrer Tischen (Einzeltische in der Regel) und arbeiten an ihren Aufgaben – nutzen dabei ihre Computer, manche arbeiten aber auch in ihren Büchern. Manche melden sich und die Lehrerin kommt dann zu ihnen und klärt ihre Fragen oder gibt Feed-Back. Der Englisch-Lehrerin in der einen Klasse ist es wichtig zu sagen, dass sie nicht die ganze Zeit mit dem Rechner arbeiten. Ich frage mich später, wie das dann praktisch mit dem self-paced learning zusammen passt?! 

Neues Schulgebäude in Modulbauweise

Wir besuchten außerdem ein neues Schulgebäude in Modulbauweise, dessen Aufbau in einer Woche erfolgt war – ausgelegt ist es an dieser Schule für eine Zeit von 10 Jahren, danach könnte es abgebaut und von der Gemeinde an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. 

Etwas Theorie zu Flipped Learning und ein Blick hinter die Materialien

Markus Humaloja erläutert Hintergründe zu „Flipped Learning“

Am Nachmittag waren wir dann zurück in unserem „Base-Camp“ in der Vantaa Bibliothek. Dort gab es von Markus Humaloja noch etwas Theorie zu der Praxis, in die wir einen kleinen Einblick bekommen hatten: Er nennt ihr Konzept Flipped Learning und sagt gleich dazu, dass es mehr als das ist, was unter Flipped Classroom bekannt ist, also Umgedrehter Unterricht. Er sagt auch gleich dazu, was der Unterschied ist: Während Flipped Classroom eine Lehrmethode ist, sei Flipped Learning eine „Lernideologie“, in der die*der Lehrer*in an Lernende an unaufgefordertes und selbst-motiviertes Lernen gewöhnt und sie auch darin unterstützt in pädagogischen Fragen selbst zu entscheiden. Insgesamt geht es dabei um eine Lerner*innen-zentrierte Lernkultur. Die wichtigsten Elemente, wie dies erreicht werden soll, habe ich oben schon angedeutet – Details finden sich in den Folien von Markus Vortrag: bit.ly/mhflippeden (CC-BY NC ND).

Interessant war dann aber noch ein Blick hinter die Materialien, die Markus versucht hat, praktisch zu gestalten, indem wir uns selbst in die Materialien einloggten (was leider nur halb funktionierte, weil einige von uns Schwierigkeiten hatten, sich mit einem neuen Google-Account in die Materialien einzuloggen, die natürlich auf finnisch sind – Google Translation übersetzt dies prinzipiell, aber das funktioniert nur vom Chrome-Browser an einem „echten Rechner“). 

Dennoch: es wurde deutlich: hinter der Erstellung der „Materialien“, wozu auch die wöchentlichen Aufgaben stehen, steckt viel Arbeit (z.B. die Erstellung von Lernvideos) – interessant dabei: es wird transparent gemacht, was die Schüler*innen erfüllen müssen, um „exzellente“ Leistungen zu erbringen.

Beispiel für die Bearbeitung von Material (CC-BY NC ND Markus Humaloja, https://docs.google.com/presentation/d/1dgeys9qfWJWQF7ZknVh-z9MWgHcvytga4SYJ-lsoKtQ/edit#slide=id.g35e31185be_1_2)

Der Zugang zu den Materialien erfolgt grundsätzlich über Google Classroom, die Materialien sind meist Google Slides, auch die Aufgaben werden in der Regel in Google Slides bearbeitet (dafür kopieren die Schüler*innen eine bereit gestellte Vorlage – der*die Lehrer*in kann dann jeweils sehen, was die Schüler*innen in ihrem Dokument bearbeiten). Eine Aufgabe könnte z.B. in Erdkunde sein, die Klimadaten für einen Ort in der subpolaren Zone zu recherchieren: sie müssen dafür zunächst einen solchen Ort identifizieren und dann dafür entsprechende Klimadaten ausfindig machen (Thomas verweist dazu gern auf öffentliche Datenbanken) – sie könnten dann einen Screenshot der Jahresverlaufsdaten dieses Ortes in das Aufgabenblatt kopieren – die Quelle müssen sie dabei angeben und schließlich die Daten beschreiben und interpretieren. 

Basic Skills für Tablets

Am späteren Nachmittag gab es noch für diejenigen, die wollten, eine Einführung in Basistechniken im Umgang mit Tablets. Da fühlte ich mich fehl am Platz und widmete mich lieber der Aufarbeitung der Tagesergebnisse…