Flexible Lernumgebungen, Shared Learning und Co-Teaching

Hämeenkylän koulu, Vantaa

Am Mittwoch ging es vormittags abermals in eine Schule, um dort „anderes Lernen“ kennenzulernen. Die Hämeenkylän koulu wurde auch über die Grenzen Finnlands bekannt, weil Michael Moore sie in seinem Film „Where to invade next“ als Beispiel für die Innovationen finnischer Schulen zeigt und dabei unter anderem Schulleiter Pasi Majasaari interviewt, der uns an diesem Vormittag seine Schule auch selbst vorstellt.

Die Schule mit ca. 750 Schüler*innen ist seit etwa zwei Jahren Übergangsweise in anderen Gebäuden untergebracht, weil das alte Schulgebäude gesundheitsbelastend war. Derzeit wird eine neue Schule gebaut und dabei die besonderen Vorstellungen der Schule zur Raumaufteilung berücksichtigt. Womit wir beim Hauptthema des Vormittags wären: Lernumgebung. Wobei Pasi Majasaari betont, dass es dabei um die physische Lernumgebung geht, aber auch psychologische Faktoren und soziale Beziehungen eine Rolle spielen. Wobei die physische Lernumgebung, also Gebäude, Möbel und Lernmaterialien eine besondere Rolle spielen. 

Pasi Majasaari berichtet, dass er vor einigen Jahren auf den Gedanken kam, in seiner Schule einiges zu verändern. Für den Plan, der in den folgenden Jahren umgesetzt wurde, musste er zunächst das Kollegium gewinnen – wobei es auch große Skepsis gab. Die Zeit und lange Gespräche hätten aber letztlich alle überzeugt. Heute wolle niemand mehr zur alten Schule zurück, sagt er. 

Die Veränderung besteht aus verschiedenen Aspekten, wobei zwei besonders wichtig sind: 

Die erste Veränderung betrifft die räumliche Organisation der Schule: es gibt keine Klassenzimmer mehr, stattdessen thematische „Learning Areas“: also einen großen Bereich jeweils für Mathematik, für Naturwissenschaften, Musik, Hauswirtschaft etc. In diesen Bereich halten sich mitunter gleichzeitig mehrere (bis zu drei) Klassen gleichzeitig auf und werden dabei von mehreren Lehrer*innen (sofern es mehrere Klassen sind) betreut. Die Learning Areas (die größten bieten Platz für bis zu 75 Kinder) bestehen aus großen Räumen mit einzelnen Arbeitsplätzen, zu denen die Schüler*innen ihre Materialien, z.B. ihren Laptop (jedes Kind hat einen) mitbringen. Es gibt in jedem Learning Area aber auch kleinere Stillarbeitsräume und schallgedämpfte Sitzecken, so dass eine Differenzierung bzw. ein Zurückziehen möglich ist. Die Schüler*innen wandern also während des Tages und der Woche zwischen diesen Lernbereichen. Als persönlichen Fixpunkt hat jede*r Schüler*in ein Schließfach. Und es gibt diverse – auch gemütliche – Sitzgelegenheiten auf den Fluren. 

Hier einige Impressionen: 

Nett: um 10:00 Uhr gibt es immer eine kurze Unterbrechung. Schüler*innen suchen einen Song aus, der über die Lautsprecheranlage gespielt wird, gefolgt von einer kurzen Ansprache (von Schüler*innen?!).

Die andere große Veränderung betrifft die Art und Weise, wie Lehrer*innen kollegial unterrichten. Die Art und Weise ähnelt dabei dem Ansatz, den wir bereits an der an der anderen Schule kennen gelernt haben: Schüler*innen bearbeiten Aufgaben in ihrem Tempo – die Materialien dafür werden teilweise von den Lehrer*innen extra erstellt, bzw. der Ansatz ist, dass sie sich das erforderliche Wissen selbst aus verschiedenen Quellen erarbeiten. An dieser Schule scheint nochmal besonders die Betreuung der Klassen in Teams zu sein. Dazu gehören für jede Klasse der*die Klassenlehrer*in, die (in den unteren Jahrgangsstufen wenigen) Fachlehrer*innen und ein*e Förderlehrer*in. Alle vier Wochen legt das Team die Lehr-Lerninhalte und die Ziele und Evaluationsmethoden die nächste Zeit fest und geht gedanklich die gesamte Klasse durch: Wer braucht Unterstützung? Wer könnte noch mehr erreichen? Dann werden Unterstützungsressourcen und verfügbare Lernumgebungen geplant. Nach vier Wochen werden Lernmethoden und Unterstützung evaluiert und erneut geplant. 

Bezüglich der Unterstützungsmethoden erhielten wir weitere Ausführungen von einem der Special Education Teachers: 

  • Über die Mindestanforderungen hinaus können Schüler*innen durch zusätzliche individuelle Lernaufgaben mehr lernen und herausgefordert werden (bis hin zur Bearbeitung von Aufgaben für die Sekundarschule)
  • Im normalen – alltäglichen – Rahmen der Lerninhalte können innerhalb der gemeinsamen Lernumgebung Schüler*innen individuelle Lernpfade verfolgen und werden dabei von der*dem Klassenlehrer*in unterstützt
  • Einzelne Schüler*innen in kleineren Lernräumen (am Rande der gemeinsamen Lernumgebungen) in Ruhe lernen und werden dabei ggf. von Förderlehrer*innen unterstützt
  • In Special Education Workshops gibt es die Möglichkeit Schüler*innen in Zeiten von Krisen oder temporären, fachbezogenen Lernschwächen besonders zu fördern (z.B. 3 Wochen lang)
  • Schüler*innen mit dauerhaften Lernschwierigkeiten oder stark einschränkenden Behinderungen werden in gesonderten Förderklassen in der gleichen Schule unterrichtet, so dass sie an übergreifenden Aktivitäten und auch bestimmten gemeinsamen Fächern teilnehmen können. 

Auf Nachfrage erfahren wir, dass sich die Hämeenkylän koulu nach zwei Jahren Erproben von einem weitgehenden Inklusionskonzept verabschiedet und stattdessen Förderklassen eingeführt hat. 

Am Nachmittag…

… gab es dann etwas kulturelle Abwechslung: Wir erkundeten Helsinki – allerdings natürlich nicht einfach so, sondern in Kleingruppen mittels der App Actionbound, – einer Schnitzeljagd mittels Smartphone. Außerdem erstellten wir E-Books zu unseren Helsinki-Eindrücken mit der App Bookcreator.

… und einige von uns (darunter ich) nutzten die Chance, die phantastischen Installationen im Amos Rex zu sehen: