Maria Montessori kann man mit gutem Recht eine frühe Vordenkerin des selbst gesteuerten Lernens innerhalb eines wohlüberlegten didaktischen Rahmens nennen (vgl. Kerres 2013: 28ff). Die Reformpädagogin hat zwar vor allem ein umfassendes pädagogisches Konzept für die Entwicklung von Kindern bis zum Jugendalter entwickelt, das bis heute überall auf der Welt umgesetzt wird. Einige der Prämissen und Prinzipien ihres pädagogischen Ansatzes sind auch für die Erwachsenenbildung und hier speziell für selbstgesteuerte Lernprozesse relevant und aktuell (vgl. Raapke 2001, Kerres 2013) :

  • Montessori setzt ihre methodischen Ansätze jeweils in Beziehung zu konkret beschriebenen Phasen in der Entwicklung von Kindern. Ihr Phasenmodell unterscheidet sich dabei nicht wesentlich von ähnlichen Modellen anderer Forscher, z.B. Piaget. In diesem Zusammenhang postuliert Monessori, dass Kinder bestimmte Dinge dann besonders gut lernen, wenn dies aufgrund ihrer (psychischen und physischen) Entwicklung „dran“ ist, d.h. der optimale Moment kann auch verpasst werden. Überträgt man diesen Ansatz auf Erwachsene, stellt sich die Frage, in welchen Lebensphasen sich welche „Entwicklungsaufgaben“  wann und unter welchen Umständen stellen – aufgrund von Lebenslagen, Lebensalter etc. – oder auch aus einer beruflichen Situation heraus. Die didaktische Schlussfolgerung lautet: damit Lernen gut gelingt, müssen die „Aufgaben“ zur biografischen Situation passen.
  • Nicht nur auf die spezifische Lebensphase, sondern auch grundsätzlich gilt: es : findet dann besonders intensiv statt, wenn dem Lern- oder Aktivitätswunsch unmittelbar nachgegangen werden kann – nicht dann, wenn ein Lehrplan oder eine äußere Struktur es vorgibt. Eine gute Pädagogik muss entsprechend möglichst oft Anlässe und Gelegenheiten zu so konzentriertem Lernen schaffen. Montessori hat dies die „Polarisation der Aufmerksamkeit“ genannt. Diese Anforderug kann ebenso auf Erwachsene übertragen werden und kann – z.B. angesichts immer verfügbaren Internets mit entsprechenden Wissensressourcen teilweise auch eingelöst werden.
  • Lernen findet zudem dann besonders wirksam statt, wenn es eine Herausforderung und etwas Neues darstellt. Dies gilt für das Lernen von Erwachsenen ebenfalls.
  • An die Stelle von vom einer Betreuungsperson oder Lehrplänen vorgegeben Lernziele tritt die genaue Beobachtung der Kinder. Diesen Ansatz finden wir auch in der Erwachsenenbildung: er findet sich in der Lernstandort- und Kompetenzfeststellung und in der Bildungsberatung und kann selbstreflektierend, extern begleitet oder extern attestiert werden – und so den Ausgangspunkt bilden für die Planung von Lernprozessen.
  • Ein wesentlicher Ansatz der Montessori-Pädagogik ist die „vorbereitete Umgebung“. Grundsätzlich entscheiden Kinder selbst, wann und was sie tun – aber innerhalb eines Rahmens, der auf einer wohlüberlegten Analyse des Entwicklungsstandes (siehe Beobachtung) der Kinder beruht und für den – entsprechend der anstehenden Entwicklungsaufgaben (s.o.) – konkrete Methoden (= spielerisch zu lösende Aufgaben) ausgewählt werden. Übertragen auf die Erwachsenenbildung findet sich hier die didaktische Aufgabe des Designs einer für den konkreten Nutzer passenden Lernarrangements, der
    • entsprechend der oben genannten Prinzipien zum Lernen herausfordert und entsprechende Aufgaben bietet (aber nicht herausfordert und auch nicht langweilt),
    • den Lernenden Freiheit lässt, auszuwählen wann und was sie innerhalb des vorbereiteten Raumes lernen
    • einen Rahmen schafft, der der biografischen Situation des/der Lernenden und seiner/ihrer „Entwicklungsaufgaben“ entspricht.
  • „Lehrpersonen“ haben für Montessori eine neue Aufgabe: sie sollen ermuntern und unterstützen, die eigenen Lerninteressen zu artikulieren, vor allem sind sie verantwortlich für die Gestaltung der Lernumwelt und die Sicherstellung der Arbeitsatmosphäre. Und ihre Aufgabe ist die genaue Beobachtung der Lernenden, um entsprechend bei Bedarf unterstützen zu können.